Einblick in das “Stimm-Coaching”

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„Stimm-Coaching“ – … weil ich etwas zu sagen habe!

Es ist 2002 und ich stehe am letzten Tag der Entscheidungsrunde für ein Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Erschöpfung macht sich in mir breit und gleichzeitig ein unbändiger Wille, diesen Beruf ausüben zu wollen.

Mindestens 800 junge Leute sprechen dort jedes Jahr vor. 10 – 12 werden genommen. Eine Woche der unterschiedlichsten Prüfungen liegt hinter mir. Ein Jahr vieler Ablehnungen an anderen Schauspielschulen.

Nun stehe ich am letzten Tag vor der Lehrerschaft des renommierten Max-Reinhardt-Seminars – eine der besten Schauspielschulen überhaupt – und der Rektor stellt mir eine letzte Frage:

„Warum glauben Sie, dass gerade SIE Schauspielerin werden sollten?”

Eine Pause entsteht, in der meine Gedanken zu rasen beginnen:

  • „Was soll ich dazu jetzt am besten sagen?“
  • „Was wollen die hören?“
  • „Was sagt man darauf?“
  • „Bin ich überhaupt gut genug?“
  • „Er hat recht, warum sollten sie ausgerechnet mich nehmen?”

Ich bin schon kurz davor zu antworten: „Ich weiß auch nicht. Vielleicht war das alles eine dumme Idee.”, mich umzudrehen und nach Hause zu gehen, als eine riesige Kraft aus meinem Bauch heraus plötzlich den Satz formuliert: 
„ … WEIL ICH ETWAS ZU SAGEN HABE!”
 Es entsteht wieder eine lange Stille! Dann lächeln die Professoren mich an und wenige Stunden später werde ich willkommen geheißen als Teil des neuen Jahrgangs am Max-Reinhardt-Seminar.

… weil ich etwas zu sagen habe.

Vielleicht kennen Sie den Film „The king’s speech”? 
Der Film verarbeitet den Werdegang des britischen Königs Georg VI., vom von Selbstzweifeln geplagten Stotterer zum würdevollen Staatsoberhaupt.
 In meiner Lieblingsszene fragt Logue, der Sprechlehrer, den König provozierend: 
„Warum sollte ich meine Zeit damit vergeuden, Ihnen zuzuhören?”
 Und der König antwortet aus tiefer Überzeugung und zum ersten Mal, ohne zu stottern: „ … weil ich etwas zu sagen habe!”

Es geht im Stimm-Coaching nicht ums Stottern, nicht ums Schauspielen, nicht ums Nuscheln etc. Es geht darum, Ihre eigene, innere Stimme zu finden.
Dabei können wir von zwei Seiten beginnen.
 Wenn ich als Schauspieler eine Figur kreiere, habe ich zwei Möglichkeiten:

Ich kann zum einen von INNEN NACH AUSSEN vorgehen.
 Das bedeutet, ich baue der Figur eine Biografie, ein Seelenleben, Beziehungen etc., um die Figur nun in verschiedene Situationen zu schicken.

Beispiel: Eine Figur, der ich reiche Eltern und eine gute Erziehung in die Biografie schreibe, wird automatisch die Teetasse anders in die Hand nehmen, als jemand, dem ich eine Kindheit ohne Eltern und auf dem Land lebend schreibe.

Die andere Möglichkeit ist, die Figur von AUSSEN NACH INNEN zu erfinden.
 Hier werde ich z. B. Körperbewegungen, Stimmfarbe etc. erarbeiten, die dann eine Figur ergeben. In unserem Beispiel bedeutet das, ich nehme die Teetasse mit der ganzen Hand und daraus ergibt sich, was für ein Mensch diese Figur ist. Ist sie langsam, schnell, humpelt sie, geht sie nur auf High Heels oder trägt sie Stiefel?

Was bedeutet das konkret für unser Stimm-Coaching? Was können Sie aus diesem Seminar mitnehmen?

Von außen nach innen:
 Dieser Teil ist körperlich. Er ist direkt. Sie können sofort Resultate sehen und hören. Wir bewegen uns, wir trainieren.
Ich möchte, dass Sie verstehen, was im Körper passiert, wenn Sie einen Laut bilden.
Der ganze Körper ist systemisch daran beteiligt. Es ist wichtig, DASS Sie atmen und WIE Sie atmen.Sie werden lernen, in sich zu ruhen und Luft zu bekommen, um Ihre eigentliche Stimmkraft nutzen zu können.
Sie werden Atemübungen machen und merken, wie Sie zur Ruhe kommen, wie Ihre Gedanken sich verlangsamen, wie die wichtigen Dinge hervortreten und die Unwichtigen in den Hintergrund treten. Sie werden ein klares Bewusstsein und eine direkte Ausstrahlung bekommen.
Wir werden gemeinsam die Muskeln trainieren, die die Stimme braucht, um ihren vollen Facetten-Reichtum zu entfalten.

Von innen nach außen:

Fragen, die auftauchen könnten, sind:

„Was können die Gründe dafür sein, dass wir besonders leise oder besonders laut sprechen?“

  • „Welche Rollenbilder stecken dahinter?“
  • „Warum und in welchen Situationen verschlucken wir Wörter (Nuscheln)?“
  • „Welche Angst könnte dahinter stecken?“
  • „Warum sprechen wir besonders schnell?“
  • „Was können wir tun, um das zu vermeiden?“
  • „Warum kriegen wir manchmal „schlecht Luft”?“
  • „Wo liegt die eigene, innere Stimme und was möchte diese uns sagen?“
  • „Was wollte ich früher einmal sagen und was sage ich jetzt tatsächlich?“

… weil ich etwas zu sagen habe.
Ich habe in meiner Ausbildung gelernt, dass meine Stimme alles sein kann: ein kleines Mädchen, eine betrunkene, alte Frau, eine Professorin vor einem großen Auditorium, eine junge Frau, die auf einmal zur Führungskraft wird, eine Lehrerin, die ihre Schüler in den Griff kriegen möchte, eine Politikerin, die sich durchsetzen muss, u. a. m.
 Meine Stimme kann alles sein! Sie kann zu allem werden – aber erst dann, wenn ich weiß, was meine EIGENE Stimme ist.

Wir werden daran arbeiten, Ihre Ressourcen zu stärken, Ihrer Stimme Kraft zu geben, Ihre „Akkus” wieder aufzuladen und das mit viel Humor und Freude.

Um noch mal in den Worten des königlichen Sprechlehrers zu fragen:
„Warum sollte ich meine Zeit damit vergeuden, Ihnen zu zuhören?”
… weil Sie etwas zu sagen haben!

Ihre Melanie Lüninghöner